Häufiger Harndrang: Ursachen, Abklärung und Behandlung

Auf einen Blick

  • Üblicherweise tritt das erste Empfinden eines Harndrangs bei einer Harnblasenfüllung von 150 bis 250ml auf. Bei über 350ml ist bereits ein starker Harndrang zu erwarten. Im Falle einer Speicherstörung der Harnblase wird der Harndrang allerdings schon bei geringeren Mengen an Urin in der Harnblase ausgelöst. Möglicherweise geht dies mit einem ungewollten Urinverlust einher.
  • Eine Übersensibilität oder Hyperaktivität der Harnblasenmuskulatur kann die Beschwerden erklären. Zu den konkreten Ursachen gehören eine erhöhte Flüssigkeitsaufnahme, die Einnahme von Diuretika, körperliche Faktoren (z.B. Erkrankungen des Harntrakts und der Prostata, Folgen von Operationen, Strahlung oder Verletzungen, hormonelle Störungen), wie auch psychische Bedingungen.
  • Eine ausführliche Befragung, eine körperliche Untersuchung und eine Protokollerstellung helfen die Beschwerden zunächst einzugrenzen. Weitere Untersuchungen wie etwa bildgebende Verfahren, Funktionsdiagnostik und Endoskopie erfolgen situationsabhängig.
  • Über die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache hinaus bieten sich Verhaltensstrategien (z.B. Blasentraining, Entspannungstechniken), medikamentöse Ansätze (Spasmolytika, Anticholinergika, Alphablocker) und im Ausnahmefall auch operative Maßnahmen an.

 

Häufiger Harndrang - Frau muss zur Toilette

Was versteht man unter häufigem Harndrang?

Möglicherweise kennen Sie das plötzliche und ständig auftretende Gefühl, dass Sie tagsüber und/oder nachts Wasser lassen müssen. Eventuell kann es dabei auch zu einem ungewollten Urinverlust (Harninkontinenz) kommen. Diese Symptome könnten mit einer Speicherstörung der Harnblase zusammenhängen, die durch eine Übersensibilität der Blase mit verminderter Blasenkapazität oder eine Hyperaktivität der Blasenmuskulatur zustande kommen kann. Dadurch wird ein Harndrang bereits bei kleineren Mengen an Urin in der Harnblase empfunden und ruft somit häufigeres Wasserlassen hervor.

Was liegt einem häufigen Harndrang zugrunde?

Häufiger Harndrang - Zu viel Wasser getrunken?

Bei gelegentlichem Vorkommen der Beschwerden stellt sich die Frage, ob der gehäufte Harndrang nicht mit einer erhöhten Zufuhr von Flüssigkeiten und dabei vor allem harntreibenden Getränken wie etwa Kaffee und Alkohol zusammenhängen könnte. Zudem sollten auch psychische Ursachen (z.B. Ängste, Stress) und eine bestehende Schwangerschaft berücksichtigt werden. Von ärztlicher Seite aus kann ein vermehrter Harndrang durch die Verschreibung von Diuretika mitverursacht werden. Eine Ausnahmesituation, in der Harndrang auftritt, stellt der akute Harnverhalt dar.

Bei länger anhaltenden Beschwerden lassen sich unterschiedliche Beschwerdebilder in Erwägung ziehen: Harnwegsinfekte, Harnsteinerkrankungen (Urolithiasis), eine überaktive Blase (Reizblase), Erkrankungen der Prostata wie eine Vergrößerung (Prostatahyperplasie) oder Entzündung (Prostatitis), Fremdkörper oder Tumore im Bereich der Harnblase, Folgen von Harnblasenoperationen, –verletzungen oder Strahlenbelastung, das Auftreten im Rahmen von hormonellen Störungen (z.B. lokaler Östrogenmangel bei Frauen, Diabetes mellitus) oder unterschiedlichen Formen der Harninkontinenz (Drang-, Misch-, Kindliche Harninkontinenz).

Wie stellt man häufigen Harndrang fest?

Häufiger Harndrang - Notizen

Wichtig wäre zu wissen, zu welcher Tageszeit, in welchen Situationen und ob es im Zusammenhang mit Auslösern wie beispielsweise der Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme zu den geäußerten Beschwerden kommt. Eine Übersicht dazu kann mithilfe eines sogenannten Miktionsprotokolls gewonnen werden. Über eine allgemeine körperliche Untersuchung hinaus können eine Urinprobe und eine Blutentnahme zusätzliche Informationen beisteuern. Zudem grenzen bildgebende Verfahren, wie etwa eine Ultraschalluntersuchung zur Betrachtung des Harntrakts und der Prostata, und urodynamische Untersuchungen, z.B. zur Bewertung der Aktivität der Blasenmuskulatur, die infrage kommenden Diagnosen ein. Bei einer vermuteten anatomischen Besonderheit kann eine Bildgebung des unteren Harntrakts beim Wasserlassen (Miktionszystourethrografie) nach einer Gabe von Kontrastmittel zum Einsatz kommen. Falls nötig, stehen außerdem endoskopische Verfahren (Zystoskopie) zur Verfügung.

Welche Behandlungen für ständigen Harndrang können von Nutzen sein?

Häufiger Harndrang - Happy

Zunächst steht die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache im Vordergrund. So kann z.B. bei einem festgestellten Östrogenmangel eine lokale Gabe des Hormons in Betracht gezogen werden. In urologischen Notfallsituationen wie bei dem akuten Harnverhalt ist eine sofortige Ableitung des Urins angezeigt. Im Falle einer psychischen Komponente kann eine psychotherapeutische Betreuung nützlich sein. Darüber hinaus können sich einfache Verhaltensstrategien als hilfreich erweisen, wie z.B. eine Ernährungsumstellung, Entspannungstechniken zur Unterdrückung des Harndrangs und ggf. in Kombination mit einer Biofeedback-Therapie oder Blasentraining zur Unterstützung der Beckenbodenmuskulatur.

Wenn diese anfänglichen Bemühungen nicht ausreichen um die Symptome zu lindern, sind zusätzliche Behandlungen in Form von Medikamenten möglich. Dabei bieten sich krampflösende Mittel, sog. Spasmolytika, und Anticholinergika an. Bei Männern kommen außerdem Alphablocker infrage. Alle drei Substanzklassen rufen dabei eine Senkung des Anspannungszustandes der Blasenmuskulatur hervor.

In Ausnahmefällen sind jedoch auch chirurgische Eingriffe möglich. Hierbei kann z.B. eine Erweiterung der Harnblase mithilfe eines Dünndarmstücks (Blasenaugmentation bzw. Ileo-Zystoplastik) mit dem Ziel der Erhöhung der Kapazität erfolgen, oder Elektroden implantiert werden, welche mittels gezielter elektrischer Impulse der Hyperaktivität der Blasenmuskulatur entgegenwirken.

Quellen

  • BASICS Urologie, Christoph Hammes, 5. Auflage (2022)
  • Basiswissen Urologie, Thomas Gasser, 7. Auflage (2019)
  • Urologie, Richard Hautmann, Jürgen E. Gschwend, 5. Auflage (2014)
  • Madersbacher H. Harndrang- und Reflexinkontinenz [Urinary urgency and reflex incontinence]. Urologe A. 1991 Jul;30(4):215-22. German. PMID: 1926665.