Inkontinenz: Ursachen, Abklärung und Behandlung

Auf einen Blick

  • Inkontinenz ist eine häufige, aber allgemein unterdiagnostizierte Beschwerde. Gekennzeichnet ist sie durch einen ungewollten Abgang von Urin (Harninkontinenz) bzw. Stuhl (Stuhlinkontinenz).
  • Ursächlich kommen bei der Harninkontinenz am häufigsten Schädigungen und/oder Überlastungen des Verschlussapparats, wie auch Signale, die die Harnblase reizen, infrage. Bei der Stuhlinkontinenz stellen mögliche Ursachen eine Änderung der Stuhlqualität und/oder -quantität dar, sowie strukturelle und funktionelle Störungen.
  • Eine sorgfältige Befragung, eine körperliche Untersuchung und eine Protokollerstellung helfen die Beschwerden in einem ersten Schritt einzugrenzen. Weitere Untersuchungen erfolgen patientenabhängig (Bildgebende Verfahren, Funktionsuntersuchungen, Endoskopie).
  • Mehrere Therapiemöglichkeiten stehen in Abhängigkeit von der Form und Ausprägung der Inkontinenz zur Verfügung (Beckenbodengymnastik, Ernährungsumstellung, Medikamente, Injektionen, Operative Verfahren). Die Behandlung erfolgt immer ursachenorientiert und der Situation des/der Betroffenen angepasst.

Harninkontinenz

Oma mit Windel

Harninkontinenz bezeichnet ein Beschwerdebild, bei dem es zu unkontrolliertem Harnverlust kommt. Geschätzt wird, dass in Deutschland rund sechs Prozent der Bevölkerung darunter leiden. Die Häufigkeit nimmt mit steigendem Alter zu, wobei in Deutschland etwa 11% der 60-Jährigen und ein Drittel der 80-Jährigen davon berichten. Allgemein sind Frauen mindestens doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Was sind die Ursachen der unterschiedlichen Harninkontinenzformen?

Die Ursachen sind abhängig von der Art der Inkontinenz, wobei die Unterteilung von der International Continence Society (ICS) vorgegeben wird. Am häufigsten kommen die Belastungs-, Dranginkontinenz und gemischte Formen der Belastungs- und Dranginkontinenz (sog. Mischinkontinenz) unterschiedlicher Ausprägung vor.

Belastungsinkontinenz

Frau muss husten

Eine Belastungsinkontinenz (früher: Stressinkontinenz), ist die häufigste Form der Inkontinenz bei Frauen. Sie tritt bei körperlicher Belastung auf und kommt dadurch zustande, dass der Verschlussapparat der Harnblase überlastet und/oder geschädigt ist. Genauer genommen wird dies ausgelöst durch einen plötzlichen Druckanstieg innerhalb des Bauchraums, wie das beim Husten, Niesen, Pressen oder Heben passieren kann. Diese Form kann beispielsweise bei Frauen nach schweren oder mehrfachen Geburten und bei Männern als Folge einer operativen Maßnahme (z.B. nach Entfernung der Prostata) auftreten.

Dranginkontinenz

Mann läuft zur Toilette

Eine Dranginkontinenz, auch bekannt als Urge-Inkontinenz, ist gekennzeichnet durch einen Urinverlust in Kombination mit übermäßig starkem Harndrang. Sie stellt die häufigste Form der Inkontinenz bei Männern dar. Ursächlich hierfür sind Signale, welche die Harnblase reizen. Dazu gehören schwere bakterielle oder interstitielle Blasenentzündungen, Spätfolgen einer Bestrahlung (sog. Strahlenblase), wie auch Fremdkörper oder Tumore.

Weitere Formen der Harninkontinenz

Eine Harninkontinenz bei chronischer Harnretention (früher: Überlaufinkontinenz bzw. -blase), entspricht einer chronischen Entleerungsstörung der Harnblase mit einem tropfenweisen Abgang von Urin. Hierzu führen beispielsweise Verletzungen, Neubildungen (Tumore) oder Verengungen unterhalb der Harnblase (z.B. im Rahmen einer Prostatavergrößerung).

Eine neurogene Detrusorhyperaktivität mit Harninkontinenz (früher: Reflexinkontinenz bzw. -blase) liegt vor in Kombination mit einer neurologischen Erkrankung (z.B. Querschnittslähmung, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson), welche die Signalübertragung an die Muskulatur der Harnblase stört.

Eine extraurethrale Inkontinenz ist eine seltene Form, bei der der Harn durch Körperöffnungen außerhalb der Harnröhre abgegeben wird (beispielsweise über den Anus). Dies kann z.B. als Folge von anatomischen Besonderheiten, Verletzungen oder Operationen entstehen.

Von einer kindlichen Harninkontinenz spricht man, wenn sich Kinder nach dem fünften Lebensjahr aufgrund einer Reifungsstörung einnässen.

Wie kann eine Harninkontinenz abgeklärt werden?

In erster Linie ist eine ausführliche medizinische Befragung unverzichtbar. Hierbei wird unter anderem geachtet auf die Operations-, Schwangerschafts- und Geburtenvorgeschichte, das Vorliegen von neurologischen Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes mellitus), wie auch die Einnahme von Medikamenten. Im Anschluss erfolgt eine körperliche Untersuchung, in der die Geschlechtorgane betrachtet, eine digital-rektale Untersuchung durchgeführt und neurologische Funktionen überprüft werden. Zudem hilft die Erstellung eines Protokolls um einen Überblick zu der Trinkmenge, der Häufigkeit des Wasserlassens, der Menge an abgegebenem Urin, wie auch der Situationen, in denen ungewollter Harnverlust auftritt, zu gewinnen. Zum Ausschluss eines Harnwegsinfekts kann eine Urinprobe veranlasst werden. Im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung besteht die Möglichkeit den Harntrakt darzustellen und die Menge an Urin, die nach dem Wasserlassen in der Harnblase verbleibt (Restharnvolumen), zu bestimmen. Eine genauere Abklärung kann mithilfe einer urodynamischen Untersuchung erfolgen. Anhand davon können z.B. Abflusshindernisse und die Aktivität der Blasenmuskulatur beurteilt werden. Bei einem Verdacht auf eine anatomische Besonderheit, kann eine Bildgebung des unteren Harntrakts beim Wasserlassen (Miktionszystourethrografie) nach einer Gabe von Kontrastmittel notwendig sein. Falls erforderlich, stehen außerdem endoskopische Verfahren (Zystoskopie) zur Verfügung.

Welche Therapiemöglichkeiten stehen für eine Harninkontinenz zur Verfügung?

Über die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache hinaus stehen zur Verfügung:

Unterstützende Möglichlichkeiten

Frau macht Yoga

Unterstützend wirkt das Beckenbodentraining, d.h. eine gezielte Stärkung der Muskulatur des Beckenbodens, sowie vermehrte Bewegung und gleichzeitig das Vermeiden von schwerer körperlicher Belastung. Hinzu kommt Gewichtsverlust, regelmäßiges Wasserlassen und der Verzicht auf eine erhöhte Flüssigkeitsaufnahme. Eine Übergangslösung eröffnet die Benutzung von sogenannten Vaginalpessaren bei Frauen und Penisklemmen, Vorlagen, Kathetern oder Kondomurinalen bei Männern. Eine weitere vorübergehende Entlastung ermöglicht die elektrische Stimulation mithilfe einer Sonde. Zudem besteht die Möglichkeit eine Biofeedback-Therapie zu beanspruchen um die Wahrnehmung und Beeinflussung von unbewusst ablaufenden Prozessen im Körper zu verbessern.

Medikamentöse Ansätze

Bei der Belastungsinkontinenz kann bei Frauen die Verschreibung des Duloxetins infrage kommen, welches gezielt die Wiederaufnahme des Hormons Serotonin hemmt und so die Funktion der Schließmuskeln unterstützt. Unter sorgfältiger Prüfung der Kontraindikationen kann eventuell auch eine lokale Gabe von Östrogenen in Erwägung gezogen werden.

Für die medikamentöse Behandlung der Dranginkontinenz bieten sich sogenannte Anticholinergika an (z.B. Trospiumchlorid, Tolterodin, Oxybutynin). Bei Versagen der konservativen und medikamentösen Ansätze stellen Botoxinjektionen eine weitere Option dar. In beiden Fällen wird eine Verminderung des Anspannungszustandes der Blasenmuskulatur erreicht.

Operative Maßnahmen

Im Falle der Belastungsinkontinenz stehen Verfahren zur Stärkung des Verschlussapparats zur Verfügung. Bei der Frau werden hierfür künstliche Bänder eingesetzt, wie das TVT (Transvaginal tension-free tape) und TOT (Transobturator tape), die sich im Gewebe befestigen und so dem Absinken der Harnröhre entgegenwirken. Bei dem Mann bieten sich ebenfalls (suburethrale, d.h. unterhalb der Harnröhre befestigte) Bänder an, im äußersten Fall kann jedoch auch ein künstlicher Schließmuskel implantiert werden.

Im Rahmen der Dranginkontinenz ist eine operative Maßnahme im seltensten Fall notwendig. Es besteht jedoch die Möglichkeit Darmabschnitte auf die Harnblase zu übertragen (Ileumaugmentationsplastik) oder eine Ableitung des Harns über einen Zugang oberhalb der Harnblase zu gewährleisten (z.B. Mainz-Pouch, Ileumkonduit).

Stuhlinkontinenz

Unter einer Stuhlinkontinenz versteht man einen unfreiwilligen Verlust von Stuhl, der etwa 8% der Erwachsenen betrifft. Auch hier steigt die Betroffenheit mit zunehmendem Lebensalter, die Häufigkeit des Vorkommens bei Frauen und Männern ist jedoch ähnlich.

Was sind die Ursachen einer Stuhlinkontinenz?

In dem Großteil aller Fälle liegt eine Kombination mehrerer Ursachen vor, auch wenn die genauen Ursachen schwer zu identifizieren sind. Zum einen kommen Änderungen der Quantität und/oder Qualität des Stuhls infrage, wie sich dies z.B. im Falle einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung oder dem Reizdarmsyndrom beobachten lässt. Zum anderen werden strukturelle Störungen zu den Ursachen gezählt, beispielsweise als Folge von Geburten oder Operationen im Analbereich. Darüber hinaus gibt es funktionelle Störungen, die die Beschwerden bedingen können, wie z.B. im Falle eines Diabetes mellitus, einer Multiplen Sklerose oder nach einer Querschnittslähmung. Weitere mögliche Ursachen wären Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Nebenwirkungen durch die Einnahme von Medikamenten wie z.B. Muskelrelaxanzien und Anticholinergika.

Wie kann eine Stuhlinkontinenz abgeklärt werden?

Notizblock

Auch hier ist eine umfassende medizinische Befragung entscheidend um die weiteren Schritte zu koordinieren. Ein Stuhltagebuch könnte von Nutzen sein um mögliche Auslöser aufzudecken. Bei der körperlichen Untersuchung ist eine digital-rektale Untersuchung unabdingbar. Darüber hinaus bieten sich sowohl bildgebende Verfahren wie ein endoanaler Ultraschall, als auch Funktionsdiagnostik im Sinne einer Analmanometrie für die Druckmessung des Sphinkters und einer Defäkographie für die dynamischen Untersuchung des Beckenbodens, an. Falls nötig, stehen außerdem endoskopische Verfahren (Rektosigmoidoskopie, Anoskopie) zur Verfügung.

Welche Therapiemöglichkeiten stehen für eine Stuhlinkontinenz zur Verfügung?

Über die Behandlung der zugrundeliegenden Ursache hinaus stehen zur Verfügung:

Unterstützende Möglichlichkeiten

Trauben

Wichtig ist, dass über die Aufnahme von ausreichend (Hülsen-)Früchten, Gemüse und Vollkornprodukten ein hoher Anteil an Ballaststoffen in der Ernährung erreicht wird. Darüber hinaus kann sich auch in diesem Fall eine Biofeedback-Therapie anbieten. Außerdem stehen unterschiedliche Formen von Analtampons für eine vorübergehende Linderung der Beschwerden zur Verfügung.

Medikamentöse Ansätze

Quellmittel mit einem hohen Faseranteil (z.B. Metamucil) können helfen eine normale Stuhlkonsistenz zu erzielen. Falls dies nicht reichen sollte, kann eine Einnahme von Loperamid für die Regulierung des Stuhlflusses infrage kommen.

Operative Maßnahmen

Diese werden erst in Betracht gezogen, sobald die nicht-operativem Maßnahmen ausgeschöpft sind. So kann im Falle eines vorliegenden Muskeldefekts eine Wiederherstellung des Sphinkterapparats erfolgen. Des Weiteren steht die sogenannte sakrale Neuromodulation zur Therapie zur Verfügung, welche einer elektrischen Stimulation zur Milderung der Beschwerden entspricht. Falls keine der genannten Methoden einen Erfolg erzielt, bietet sich eine Kolostomie an, bei der der Stuhl über einen künstlich geschaffenen Zugang im Dickdarm abgeleitet wird.

Quellen

  • Basiswissen Urologie, Thomas Gasser, 7. Auflage (2019)
  • BASICS Urologie, Christoph Hammes, 5. Auflage (2022)
  • Urologie, Richard Hautmann, Jürgen E. Gschwend, 5. Auflage (2014)
  • https://www.researchgate.net/publication/276370248_Stuhlinkontinenz_-_ein_Update